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Siedlung, Landwirtschaft und Industrie
Der Deichbau und die Entwässerung des eingedeichten Landes schufen im Uferbereich der Elbe vollständig neue Gegebenheiten. Die Salzmarschen wurden regelmäßigen Überflutungen und damit der Sedimentation entzogen. Sie wuchsen nicht mehr auf. Der Fluss andererseits verlor Flutraum. Er stieg zwischen den Deichen höher an und musste seine Sedimente auf engerem Raum verteilen.



Marschennutzung ohne Deiche. Auf den Halligwarften (Erhöhungen) stehen die Häuser und Nutzgebäude. Bei starkem Hochwasser sind die Inseln überflutet und nur die Warften schauen noch aus dem Wasser (Foto: Irene Lehmann, Pixelio).


Seit jeher hatten die Menschen der Marsch erhöhte Siedlungsplätze aufgesucht, vor allem die besonders hoch aufsedimentierten sandigen Strandwälle unmittelbar am Ufer. Diese Plätze wurden zunächst zu flutsicheren Warften erhöht, später dann durch Deichlinien miteinander verbunden. Ab 1200 gab es an beiden Ufer der Tideelbe durchgängig flache Sommerdeiche. Erst im 16. Jahrhundert erreichten die Deiche eine Höhe, die ganzjährig Hochwasserschutz bot.

Waren die ersten Deichlinien den Prielströmen und Buchten gefolgt, so konnten ab dem späten Mittelalter erstmals breitere Prielströme und größere Meeresbuchten von ihren Rändern her abgedämmt werden. Das ermöglichte wesentlich verkürzte Deichlinien.

Der Deichbau schafft unausweichlich immer wieder den gleichen Widerspruch. Einerseits schützt er Leben und  Güter der Küstenbewohner. Andererseits nimmt er Flutraum und lässt Fluten höher ansteigen. Und das an weiterer Aufsedimentation gehinderte, durch Entwässerung oft sogar abgesenkte Binnenland ist bei Deichbrüchen besonders verwundbar.

Hochwasserschutz durch Deichbau


Einengung des Flusslaufs

Im 20. Jahrhundert wurden die Deichlinien noch einmal erheblich verkürzt. Das Hauptmittel hierfür waren nun Vordeichungen. Sie verbanden die Zielstellungen des Hochwasserschutzes (effizienterer Mitteleinsatz) mit landwirtschaftlichen Interessen (Landgewinnung).

Nach der schweren Sturmflut von 1962 wurde die vorgeschriebene Deichhöhe erheblich heraufgesetzt. Die neue Linie des öffentlichen Hochwasserschutzes wurde ein weiteres Mal verkürzt. Sie besteht zum überwiegenden Teil aus Erddeichen mit Sandkern und begrünter Kleidecke, ferner aus Erddeichen mit Sandkern und Asphaltdecke sowie aus Hochwasserschutzwänden (Spundwände, Beton). Außerdem wurden nach 1962 Sperrwerke für den Hochwasserschutz an der Mündung der Nebenflüsse sowie neue Schiffsschleusen, Schöpfwerke, Deichsiele und Sperrtore errichtet. Gerade diese letztgenannten Maßnahmen führten noch einmal zu einem erheblichen weiteren Wegfall von Flutraum bei Sturmfluten. Zugleich kam es durch die Unterbindung der Sturmflutdynamik in diesen Bereichen zu verstärkter Verschlickung.

Die Eingrenzung des Flutraumes ist unter den menschlichen Eingriffen in das Ökosystem der Tideelbe einer der schwerwiegenden.

Kann man Flutraum wieder zurückgewinnen?

Ja und nein. Nein deshalb, weil man genau den Flutraum, den man durch vorgeschobene Deichlinien entfernt hat, nicht ohne weiteres wieder fluten kann. Denn es stehen dort heute Wohnhäuser und landwirtschaftliche Betriebe. Auch Straßen, Wasser-, Strom-, Gas-, und Telekommunikationsleitungen bilden wirtschaftliche Werte. Die Fläche wird inzwischen genutzt und gebraucht. Diese Geschichte kann man nicht zurückdrehen.

Aber Nutzungen können sich langfristig verändern. Sie können z.B. ihre wirtschaftliche Bedeutung für den Nutzer verlieren. Damit öffnen sich Flächen hinter den Deichen für neue Ideen.

Zum Beispiel entstehen beim Übergang von der intensiven zur extensiven landwirtschaftlichen Bewirtschaftung neue Möglichkeiten. Extensive Viehweiden werden kaum darunter leiden, wenn sie im Winter einige Male als Flutraum für Sturmfluten zur Verfügung stehen. Für den Hochwasserschutz wäre dadurch sehr viel getan. Eine entsprechende Nutzungsveränderung wäre auch entlang der Nebenflüsse denkbar. Dann könnten deren Sperrtore bei Sturmflut teilweise geöffnet werden und die Sturmflutscheitelhöhe im Hauptstrom reduzieren helfen.

Industrie und Landwirtschaft

Beiträge zur Wirtschaftsleistung der Elbregion leisten neben den Elbhäfen und der Handelsschifffahrt die Obstplantagen im Alten Land, die sonstige landwirtschaftliche Nutzung des Marschlandes einschließlich der Fischerei sowie die Industrie. Gemessen an der genutzten Fläche nimmt die Landwirtschaft den ersten Rang ein, gemessen an der Wertschöpfung die Industrie.

Die Industrialisierung der Tideelberegion begann mit der Ansiedelung von Großbetrieben in Harburg und auf den Elbinseln Wilhelmsburg und Veddel ab 1850. Die Elbe war ein günstiger Transportweg für Rohstoffe, ihr Wasser wurde zur Kühlung industrieller Prozesse genutzt. Bedeutsam waren die großen Raffinerie- und Kraftwerksbauten vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Mit dem Bau des Atomkraftwerkes bei Stade 1970, das inzwischen stillgelegt wurde, begann ein zweiter Industrialisierungsschub. Im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel wurde ein weiteres Kernkraftwerk errichtet, als drittes folgte schließlich Brokdorf in der Wilstermarsch. Gleichzeitig siedelten sich die ersten Chemie- und Aluminiumwerke an. Mit dem Aufschwung der Airbus-Produktion kamen spezialisierte Fertigungsbetriebe in Finkenwerder und Stade hinzu.

Schadstoffe, Erwärmung

Die Industrialisierung hatte sehr negative Auswirkungen auf die Wasserqualität der Elbe. Einige industrielle Einleitungen wirkten geradezu als Gift. Der Verlust an Artenvielfalt vor allem bei der Fischfauna war beträchtlich. Vielerorts und lange Zeit musste die Vermarktung von Elbfischen verboten werden.

Eine andere Wirkrichtung ist die übermäßige Belastung der Elbe mit abbaubaren Substanzen – insbesondere aus kommunalen Abwässern – sowie die Nährstoffbelastung – insbesondere aus der Landwirtschaft. Bei Wassertemperaturen über 15° erhöht sich die Stoffwechselaktivität der abbauenden Mikroorganismen, so dass es zu einem Sauerstoffmangel in der Unterelbe kommen kann.

Durch den Wegfall vieler Industriezweige nach der Wende 1989/90, insbesondere der Bergbau- und chemischen Industrie im oberen Elbgebiet, sowie durch den Bau von Kläranlagen, sank der Schadstoffgehalt um teilweise bis zu 90%. Aktuell wird die Elbe weniger durch industrielle Schadstoffe als vielmehr durch den Eintrag von Nährstoffen und Pestiziden aus der industrialisierten Landwirtschaft belastet. Ein Problem bildet nach wie vor die Wärmebelastung durch zahlreiche Kraftwerksanlagen.

Wassertemperatur und Sauerstoffgehalt

Die Grafiken zeigen Wassertemperaturen und Sauerstoffgehalte an zwei Messstationen an der Elbe. Im flachen Wasser (Schnackenburg, ehemalige DDR-Grenze) fördern steigende Temperaturen vor allem die Sauerstoffproduktion, in tiefen Abschnitten (Seemannshöft, Hamburg) fördern steigende Temperaturen vor allem die Sauerstoffzehrung. Quelle:  ARGE Elbe, Gewässergütebericht 2007

Elbe bei SchnackenburgWassertemperaturen und Sauerstoffgehalt bei Schnackenburg
Elbe beim Seemannshöft (Hamburg)Wassertemperaturen und Sauerstoffgehalt beim Seemannshöft