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30.11.2014
Der Hafen macht Hamburg stark
In und um Hamburg zeigt sich die erstaunliche Zugkraft des Hafens – über Schiffbau und Reedereien hinaus.
Keine Kräne, kein Container, egal, in welche Richtung man auch schaut. Die Zentrale des Speditionsunternehmens Konrad Zippel im Hamburger Stadtteil Hamm ist von schlichten Klinkerbauten umgeben, darin Kleingewerbe und Mietshäuser. Und doch sagt Geschäftsführer Axel Plaß: „Die Elbvertiefung ist für uns überlebenswichtig.“ Neun Kilometer vom Hafen entfernt, ist das nicht direkt einleuchtend, doch in Hamburg ist es eben so: Es geht immer um den Hafen. Vor einigen Wochen wurde der Gerichtsprozess über die Elbvertiefung ausgesetzt, auf eine europäische Grundsatzentscheidung soll gewartet werden. Fast jedes Unternehmergespräch endet seitdem bei diesem Thema. Die Spedition Konrad Zippel ist da sogar eines der näher liegenderen Beispiele. Über Schiene und Straße schafft das Unternehmen pro Jahr rund 150.000 Standard-Container nach Berlin, Brandenburg und ins Chemiedreieck nach Sachsen-Anhalt. Ohne Elbvertiefung weniger Schiffe, ohne Schiffe weniger Container, ohne Container weniger Aufträge, so lautet die Sorge.

Nach Rotterdam hat Hamburg den zweitgrößten Containerumschlagsplatz Europas. Für 2014 erwartet der Unternehmensverband Hafen Hamburg ein Plus im Gesamtseegüterumschlag von 6,6 Prozent, schon in den Vorjahren ging es kräftig nach oben. Der Umschlag des Hafens ist damit so etwas wie der Pulsschlag der gesamten Region. Vom Aufschwung des Hafens profitieren nicht nur die dort Angestellten, sondern auch die Chartergesellschaften, Speditionen, Werften und darüber hinaus fast alle anderen Branchen der Stadt.

Deutsche Bank und WirtschaftsWoche haben die Verteilung des Mittelstands über Deutschland untersucht und dabei die Regionen identifiziert, in denen besonders viele innovative Unternehmen sitzen. Dabei ragt auch die Region Hamburg hervor. Besonders produktiv ist hier der Großhandel – sei es mit Lebensmitteln oder mit Alt- und Reststoffen. Hinzu kommen Verkehrsdienstleistungen aller Art sowie unternehmensbezogene Dienstleistungen im Allgemeinen. Das ist eine ziemlich bunte Mischung. Trotzdem erzählen alle diese Branchen eine gemeinsame Geschichte: wie sich ein einzelner Erfolgsfaktor zum Turbo für das ganze Spektrum der Wirtschaft entwickeln kann.

Auch die Spedition Konrad Zippel profitiert vom Boom des Hafens. Seit der Finanzkrise wächst ihr Umsatz kräftig, derzeit liegt er bei rund 50 Millionen Euro. Die Mitarbeiterzahl hat sich in den vergangenen sieben Jahren auf 150 verdoppelt. „Besonders die Bereiche Handel und Verkehr sind dank der Containerschifffahrt im vergangenen Jahrzehnt stark gewachsen“, sagt Wirtschaftsexperte Alkis Otto vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Verlassen darf man sich aber auf nichts, das wissen Mittelständler wie Axel Plaß so gut wie jeder Großkonzern. Sein Unternehmen versucht daher, sich neue Geschäftsfelder zu erschließen. Eines davon heißt siegelschuppen.de und ist ein Online-Händler für die Logistikbranche. „Wir wollen das Amazon für Speditionsbedarf werden“, sagt Plaß.

Otto und der Spediteur treffen damit nicht nur den Nerv der Zeit, sie führen auf moderne Weise weiter, was in der Region seit Jahrhunderten Tradition ist: als Händler von weltweiten Trends profitieren. Getreide, Gewürze, Holz oder Metalle gelangten bereits im 11. Jahrhundert über den Seeweg nach Hamburg. Mit dem Bau der Speicherstadt und der Errichtung des Freihafens im 19. Jahrhundert wurde die Stadt dann das weltgrößte Lager für Kakao, Tee, Kaffee und Teppiche.

„Den Kaffee müssen Sie richtig durch die Zähne saugen, damit er sein Aroma entfalten kann“, sagt Clemens von Storch und schlürft einen Schluck vom Löffel. Dann spuckt er die Flüssigkeit in das kleine Waschbecken neben sich. Das wiederholt er zwölf Mal. Es ist die letzte Qualitätskontrolle, bevor der wertvolle Rohstoff an seinen Großkunden geht. Von Storch ist Inhaber und Geschäftsführer von Benecke Coffee, einem Importeur für grünen Kaffee. Das Unternehmen ist einer der wenigen mittelständischen Kaffeehändler, die im Hamburger Hafen überlebt haben. Von den einst 70 bis 80 Händlern ist gerade mal ein gutes Dutzend übrig. Der Rest hielt den gestiegenen Anforderungen der Großkunden nicht stand, fiel einer starken Konzentration anheim oder verspekulierte sich an der Kaffeebörse und riskierte so das eigene Kerngeschäft.

Seegüterumschlag im Hafen Hamburg

Überlebt haben vor allem Familienunternehmen in langer Tradition. Umso erstaunlicher, dass auch Benecke – mit dem Gründungsjahr 1995 ein vergleichsweise junges Unternehmen – noch dabei ist. „Wir überprüfen unsere Kundenstruktur jedes Jahr aufs Neue und versuchen, unbekannte Nischen zu entdecken“, sagt von Storch. Die kompakte Größe der 20-Mann-Firma ist dabei ein Vorteil – sie macht eine bewegliche Struktur erst möglich. „Je komplizierter ein Markt wird, desto besser ist das für uns. Die großen Unternehmen haben da keine Lust drauf“, sagt von Storch. Zwar beliefert der Mittelständler auch Konzerne wie Dallmayr, den meisten Umsatz macht er aber mit kleinen Kunden. Dafür stieg Benecke Coffee 2009 auch in das einstige Familienunternehmen Rehm & Co ein, über das es Edelkaffee vertreibt. Der Handel mit qualitativ hochwertigen Kaffeesorten bringe zwar weniger Umsatz, dafür aber mehr Ertrag.

Wie wichtig der Hafen für die Wirtschaftsregion ist, zeigt auch die seit Jahren anhaltende Diskussion um die geplante Elbvertiefung. Weil Frachtschiffe immer größer werden, sind sie bei der Revierfahrt von der Elbmündung bis in den Hafen mit erheblichen Engpässen konfrontiert. Mehr als zehn Jahre arbeiten Stadt und Hafenwirtschaft daher bereits an der Vertiefung und Verbreiterung des Fahrwassers. Die Gegner des Projekts sind vornehmlich Umweltverbände, die eine Verschlechterung der Wasserqualität und schädliche Folgen für Flora und Fauna befürchten. Gerade erst setzte das Bundesverwaltungsgericht das Verfahren aus, um eine Entscheidung des EuGH zum europäischen Gewässerschutz abzuwarten. „Bei negativem Urteil wird ein erheblicher Teil des Umschlags nicht mehr Hamburg anlaufen, sondern unseren Wettbewerber in Rotterdam“, resümiert Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des UV-Nord, einem Zusammenschluss der Hamburgischen und Schleswig-Holstein’schen Unternehmensverbände. Die Folgen für die Region seien zwar nicht abzusehen. Sicher aber sei, so HWWI-Wirtschaftsexperte Otto: „Eine treibende Kraft der Hamburger Wirtschaft würde wegfallen.“

Der Kaffeeimporteur von Storch kann von seinen Geschäftsräumen aus das Wasser der Speicherstadt überblicken. Doch von Storch sagt: „Als Handelsunternehmen könnte man heute eigentlich überall sitzen.“ Logistisch sei das längst kein Problem mehr. Aber wer Trends mitbekommen will, der müsse eben dort sein, wo sie entstehen. „Selbst diejenigen, die eigentlich woanders ihre Hauptlager haben, betreiben hier eine Dependance.“

Familienunternehmen lösen sich vom Großhandel

Viele der in Hamburg ansässigen Unternehmen beschränken sich schon lange nicht mehr auf den Großhandel, sie haben ihre Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette weiterentwickelt und so eine Nische gefunden. Auch das Familienunternehmen Worlée begann einst als Importhaus für Nahrungsmittelrohstoffe. In der Tochterfirma Worlée Chemie stellt es heute zudem synthetische Harze her, die als Komponenten für verschiedene Lacke dienen: vom Malerlack über Fußbodenbeschichtungen und Wandabdichtungen bis hin zu Industrielacken für die Automobilbranche. Konzernbereinigt macht das gesamte Unternehmen rund eine halbe Milliarden Euro Umsatz, mehr als die Hälfte davon liegt bei der Chemietochter. An ihrer Spitze sitzt Reinhold von Eben-Worlée. Der 54-Jährige weiß, was seine Kunden brauchen, bevor es ihnen selbst bewusst ist. „Unser technischer Außendienst besucht regelmäßig die Entwicklungsabteilungen unserer Kunden, um herauszufinden, wie wir unser Produkte verbessern können“, sagt er. Großen Wert legt der Harzproduzent deshalb auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz, so bietet das Unternehmen mittlerweile Harze aus nachwachsenden Rohstoffen oder Produkte ohne umweltschädliche Lösemittel an.

Hergestellt werden diese in Lübeck und dem rund 50 Kilometer von Hamburg entfernten Lauenburg. Die Leitung der Geschäfte aber sitzt an der Elbe. Das ist kein Einzelfall: Der Hafen mit seiner Nähe zu Händlern und Absatzmärkten zieht nicht nur Importeure und Logistikunternehmen an. Hamburg vereint außerdem rund zwei Drittel der industriellen Arbeitsplätze der Region auf sich. Das liegt unter anderem an einem Schwergewicht der Luftfahrtbranche. Allein der Flugzeughersteller Airbus beschäftigt hier mehr als 12.000 Menschen. Aber auch Unternehmen wie Beiersdorf, Henkel oder Unilever haben sich im Zentrum etabliert. Kombiniert mit der hohen Konzentration der Hafenwirtschaft sowie Logistik- und Handelsunternehmen, steuert die 1,7-Millionen-Stadt mehr als die Hälfte zur Wirtschaftsleistung der gesamten Metropolregion bei; 2012 waren das rund 94 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im Umland, einer Region, die sich über Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erstreckt, haben in gleicher Zeit doppelt so viele Einwohner 82 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Während sich Wirtschaftskraft und Geschäftigkeit um den Hafen scharen, dient das angrenzende Umland vor allem als Flächengarant. Zum einen für die industrielle Produktion: Mittelständler wie Worlée Chemie verarbeiten und produzierenhier auf günstigerem Boden ihre Güter, und auch Großkonzerne wie Mondelez Deutschland haben sich Fabriken im Speckgürtel der Hansestadt niedergelassen. „Angesichts teurer Immobilienpreise in Hamburg bieten die umliegenden Regionen zudem erschwinglichen Wohnraum“, sagt Wirtschaftsforscher Otto. Das lässt sich nicht nur an der wachsenden Pendlerzahl ablesen, die täglich in die Stadt hinein zur Arbeit strömt, sondern auch an der Bevölkerungsdichte im Umland: Die Kreise Pinneberg, Segeberg oder Stormarn sind deutlich dichter besiedelt als der Rest von Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Zuwanderung kann Fachkräftemangel nicht decken

Zugleich zieht Hamburg viele neue Bewohner an: 2013 wuchs die Stadt um rund 12.000 Menschen. Kulturelles Angebot und Jobperspektiven locken besonders junge Leute von weither. Dennoch genügt die Zuwanderung nicht, um den Fachkräftebedarf zu stillen. „Mit 30 bis 50 Absolventen jährlich kann der Bedarf im Schiffsbau und Schiffsmaschinenbau in Hamburg nicht gedeckt werden“, klagt Dirk Lehmann. Er leitet Becker Marine Systems, ein auf Schiffspropeller spezialisiertes Ingenieurunternehmen. Um die großen Reedereien und Werften haben sich im Bereich der maritimen Wirtschaft zahlreiche ähnlich spezialisierte Mittelständler angesiedelt: Zur Planung, Projektentwicklung oder Finanzierung oder auch als Zulieferer im Schiffsbau. Obwohl die Branche in den vergangenen Jahren in eine Krise gerutscht ist, gelang es vielen Mittelständlern, durch kreative Anpassungen ihre Geschäftsmodelle profitabel zu halten. Dirk Lehmann zum Beispiel. Während weltweit die Brennstoffpreise stiegen und damit den Schiffstransport verteuerten, konnte er Produkte bieten, die genau dort ansetzten: spezielle Energiesparsysteme, die den Schiffsantrieb umweltfreundlicher und effizienter machen. Durch die Krise gewannen die innovativen Düsen für Schiffspropeller erst richtig an Bedeutung und machen heute 50 Prozent des Absatzes aus. 2014 stellte das Unternehmen 26 neue Mitarbeiter ein. Insgesamt arbeiten mittlerweile 90 Ingenieure für ihn. Entsprechend wuchs der Umsatz, derzeit liegt er bei rund 100 Millionen Euro im Jahr. Vom Harburger Binnenhafen aus versorgt es Schiffsbauer auf der ganzen Welt, 80 Prozent seiner Kunden kommen aus Südkorea, China und Japan.

Konstruktions-, Service- und Vertriebsstützpunkt aber ist Hamburg. „Wir sind hier mitten im Netzwerk“, sagt Lehmann. Mit Netzwerk meint er das maritime Cluster, die vielen Unternehmen, die sich vor allem südlich der Elbe angesiedelt haben, und die technische Universität Hamburg-Harburg, an der auch Lehmann studiert hat. Becker Marine Systems selbst hat gerade erst eine neue Konzernzentrale im Harburger Hafen eröffnet. Zwar betreibt der Dienstleister keine eigene Produktion und braucht daher auch keine großen Flächen. Weiter von der Hansestadt entfernen wollte man sich dennoch nicht: „Wir sind ein Hamburger Unternehmen, die Stadt ist Teil unserer Identität.“ Auch das ist typisch für die Region und Teil des Erfolgs. Der „Hamburger Kaufmann“ ist mehr als eine geografische Bezeichnung, es ist eigene Marke.

„Mein Herz hat immer für den Hamburger Hafen geschlagen“, bekennt auch der Spediteur Axel Plaß. Der Hafen, er ist das Symbol Hamburgs nach außen. Über ihn definieren sich Stadt und Bewohner. Er ist für die Hamburger das Tor zur Welt und für die Welt das Tor in die Region. Er verhalf der Stadt nicht nur zu wirtschaftlicher Weltoffenheit. Kiez trifft hier auf Elite, kreative Szene auf unternehmerische Vielfalt. Lokale Musiker widmeten ihrer Heimatstadt Lieder, der Rapper Denyo formulierte es kürzlich so: „Eine Stadt im Aufbruch, eine Stadt von Welt, eine Stadt, die gern arbeitet, auch an sich selbst.“ Aus solchem Patriotismus entwächst noch kein Geschäftsmodell, aber es sorgt vielleicht dafür, dass Unternehmen dem Standort die Treue halten, die aus rein betriebswirtschaftlichen Überlegungen längst abgewandert wären. Das dürfte bei vielen auch so bleiben – ob die Elbe nun tiefer wird oder auch nicht. Kaufmannsehre halt.

Julia Wadhawan
Wirtschaftswoche (wiwo.de) 30.11.2014