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08.11.2010
Sein Herz hängt am Hafen – Interview mit Wirtschaftssenator Ian Karan über die geplante Elbvertiefung und den Fachkräftemangel
HAMBURG. Hamburgs Wirtschaftssenator Ian Karan hat sein Herz dem Hamburger Hafen geschenkt. Schließlich verdiente der 71-Jährige vor seinem Amtsantritt im Rathaus sein Geld als Logistik-Unternehmer. Seit rund sieben Wochen ist der parteilose Politiker nun im Amt. Mit Günther Hörbst und Berit Waschatz sprach der auf Sri Lanka geborene Karan über die finanzielle Lage der Häfen in Deutschland, die geplante Elbvertiefung und die Lösung des Fachkräftemangels.
Länder wie Bayern oder Baden-Württemberg profitieren beim Export ihrer Waren von den norddeutschen Häfen. Wäre es da nicht konsequent, von ihnen auch einen finanziellen Beitrag zu fordern?
Wirtschaftssenator Ian Karan: Wir haben in der Vergangenheit die Wichtigkeit und die zentrale Bedeutung unserer Häfen vergessen - und zwar nicht nur in Hamburg, auch in Bremen und Bremerhaven. Wir haben es versäumt zu erklären, dass funktionierende Häfen eine zentrale Bedeutung für unsere Export- und Importwirtschaft darstellen. Es ist aber nicht die Aufgabe von bayerischen oder baden-württembergischen Politikern, ihre Exporteure daran zu erinnern, dass Hamburg eine wichtige Rolle in dieser Export-Kette spielt. Ich glaube, da sind vielmehr wir - die Hafenwirtschaft und die Politiker in Norddeutschland - in der Pflicht, es entsprechend darzustellen, dass eine Kette nur so stark ist wie ihre einzelnen Glieder.

Müssten die Unternehmen im Süden das nicht automatisch erkennen?
Es ist eine natürliche Art, Sachen zu akzeptieren, die funktionieren. Das ist ähnlich wie mit dem Strom. Man steckt den Stecker rein, schaltet das Gerät ein und es funktioniert. Aber man überlegt nicht, wo der Strom herkommt. Da muss man sich auch gar keine Gedanken machen. Es funktioniert einfach. Erst wenn etwas nicht mehr funktioniert, fängt man an, sich zu beklagen.


Wie lange dauert es noch, bis das System Hafen nicht mehr funktioniert?

Der Hamburger Hafen ist sehr gut positioniert. Wir haben einen effizienten und funktionierenden Hafen. Er steht aber gerade an einer Schwelle.


Welche meinen Sie?

Mitte der 70er Jahre wurden die Weichen gestellt für einen Containerhafen. Aber diese Weichen sind jetzt nicht mehr aktuell. Es gibt mittlerweile andere Anforderungen an einen Hafen. Man war früher zufrieden, wenn Schiffe pro Stunde 20 Container entladen haben. Das reicht heute nicht mehr. Aber das alleine ist es nicht, was einen Hafen ausmacht. Man muss auch in den Hafen reinkommen. Deswegen brauchen wir die Elbvertiefung.


Wie viel kostet die Elbvertiefung?

Die Elbvertiefung kostet rund 380 Millionen Euro. Hamburg trägt 120 Millionen Euro davon. Der Rest kommt vom Bund. Das ist so schon im Haushalt festgeschrieben.


Aber warum wurde dann noch nicht mit der Vertiefung der Elbe begonnen?
Das Geld ist zwar da. Aber es ist hier nicht wie in anderen Ländern, wie etwa in China. Dort kann man im Sinne des Fortschritts ohne Diskussionen eine Million Menschen umsiedeln. Wir aber leben in einer hochmodernen, lebendigen Demokratie, in der die Menschen etwas zu sagen haben. Wir müssen das, was die Menschen bewegt, wahrnehmen. Wir müssen mit den Umweltverbänden sprechen und sicherstellen, dass wir auch deren Anforderungen gerecht werden. Wir nehmen das sehr ernst.


Aber drängt nicht die Zeit?

Die Zeit drängt ohne Ende. Es wäre wünschenswert, wenn die Planfeststellung zügig steht. Es wird daran mit Hochdruck gearbeitet. Aber das ist eben keine einfache Sache. Es ist nicht nur eine Bundesangelegenheit. Die EU muss miteinbezogen werden.


Wann steht dieser Beschluss? Und wann kann mit den Baggerarbeiten begonnen werden?
Ich kann für den Planfeststellungsbeschluss kein Datum nennen. Aber mein innigster Wunsch ist, dass wir ihn sehr bald fertig haben. Ähnliches gilt auch für den Baustart. Es wäre wünschenswert, wenn schon im nächsten Jahr mit den Baggerarbeiten begonnen werden könnte. Das ist zumindest dringend notwendig.


Da haben die Konkurrenten im Norden einen leichten Vorteil mit dem Jade-Weser-Port. Wie stark sehen sie die anderen norddeutschen Häfen als Konkurrenz?

Es würde mich schon schmerzen, wenn wir im Hamburger Hafen Ladung verlieren würden. Aber dabei würde es mir weniger wehtun, wenn wir Ladung an einen anderen deutschen Hafen abgeben. Bremen und Bremerhaven sind genauso unsere Häfen wie der Hamburger Hafen. Damit könnte ich besser leben als wenn im Ausland ausgeladen wird. Das betrifft nicht nur Rotterdam oder Antwerpen. Das sind auch die Mittelmeerhäfen in Südeuropa, die mit EU-Geldern gegen uns aufgebaut werden. Ich hätte schon ein Problem, wenn Ladung dort hinwandern würde. Daher müssen wir es schnell wie möglich schaffen, dass wenigstens die Schiffe, die den Hamburger Hafen anlaufen können, ihn auch anlaufen und nicht irgendwann dran vorbeifahren. Der Hamburger Hafen muss weiterhin ein interessanter Hafen für große Reedereien bleiben. Wir wollen nicht degradiert werden. Deswegen müssen wir die Elbvertiefung so schnell wie möglich beginnen, auch um ein Zeichen zu setzen, dass uns der Hafen sehr wichtig ist. Das hilft auch den Hafenunternehmen. Wenn da Unsicherheit aufkommt, stoppen sie ihre Investitionen. Das können wir uns nicht leisten. Das würde Arbeitsplätze gefährden.


Jeder Hafen hat ein Interesse daran, sich für die Zukunft fit zu machen. Aber sollten die Nordländer nicht stärker gemeinsam, geschlossener und schlagkräftiger gegenüber dem Bund auftreten? Gibt es da bereits Gespräche?
Das gemeinsame Auftreten ist eine Aufgabe, die sehr umfangreich ist. Der Hafen ist das Herzstück und die Hafenfinanzierung ist sehr wichtig, denn es geht um Millionen, vielleicht sogar um Milliarden. Wenn man ein wichtiges Thema anpackt, muss man mit den richtigen Argumenten agieren und die passenden Verbündeten mitnehmen. Die Tatsache, dass der Hafen hier ist, ist nicht unser Verdienst. Das war eine andere Generation. Der Hafen wuchs damals durch den Verdienst der Hamburger Steuerzahler und weniger durch den Verdienst der Steuerzahler in ganz Deutschland. Diese Tatsache muss jetzt bekannt werden. Das ist enorm wichtig für uns. Für die Bayern ist das vielleicht nicht so wichtig. Aber auch sie profitieren von einem funktionierenden Hafen.


Um doch nochmal auf die Anfangsfrage zurückzukommen. Sollten sich andere Bundesländer oder der Bund insgesamt dann nicht auch stärker an der Finanzierung des Hafens beteiligen?

Der Bund nimmt die Hafenfinanzierung ja bereits als seine Aufgabe an und gibt uns auch Geld für die Infrastruktur. Aber es ist zu wenig Geld. Ich kann mit 21 Millionen nicht viel bewegen. Insgesamt gibt der Bund allen Häfen 38 Millionen Euro. Das muss man zum Beispiel einmal damit vergleichen, wie viel der Bund pro Autobahnkilometer ausgibt. Da sind die Bundesgelder für die deutschen Häfen vergleichsweise gering. Insgesamt denke ich, dass wir ein neues nationales Gesamtbewusstsein entwickeln müssen. Nehmen Sie zum Beispiel die Autobahnverbindung von Hamburg nach Basel. Die wird vom Bund finanziert. Das kommt natürlich den Frankfurtern genauso wie den Hamburgern oder Menschen in Fallingbostel zugute. Aber da sagt man nicht, die Autobahn geht durch Fallingbostel, dann müssen die das auch bauen und zahlen. Das ist nicht deren Aufgabe, weil uns das allen zugutekommt.


Um in diesem Zusammenhang noch auf ein anderes Thema zu kommen. Ist es nicht ein auffälliges Prinzip der Politik, erst etwas zu tun, wenn das Fass schon übergelaufen ist?
Nehmen wir zum Beispiel den Fachkräftemangel. Der war seit Jahren absehbar. Aber erst jetzt kommen plötzlich Sofort-Programme. Hätte man nicht früher etwas machen müssen?
Wir Menschen sind solange bequem, solange alles funktioniert. Aber das ist schon immer so gewesen.


Wie lösen wir also den Fachkräftemangel?

Man kann den Fachkräftemangel natürlich angehen, in dem man Arbeiter im Ausland anwirbt. Aber es geht auch anders. Wir haben doch viele Migranten hier, die Potenzial haben. Und daraus muss man versuchen, das Beste zu machen. Das ist schwierig. Aber das ist besser als ins Ausland zu gehen und Leute aufzufordern, nach Deutschland zu kommen, die vielleicht gar nicht herkommen wollen, weil sie eine neue Sprache lernen müssen. Es leben mehrere Millionen Ausländer aller Nationen hier. Da schlummern auch Talente. Da sind hochintelligente Menschen. Wir haben in Hamburg ein Welcome Center etabliert. Diese Einrichtung hilf Ausländern ihre berufliche Qualifikation anerkennen zu lassen. Das ist eine ganz tolle Idee, um sofort an Fachkräfte zu kommen. Außerdem müssen diese Fachkräfte nicht immer sofort Deutsch können. Es gibt etwa in der Gesundheitswirtschaft viele Jobs, für die man nur ein Minimum an Sprachkenntnissen benötigt. Man muss diese Leute nur finden. Natürlich muss ein Ingenieur Deutsch können, sonst wird er Probleme haben. Aber das gilt nicht für alle Berufe.


Muss man also die Hürden abbauen, für qualifizierte Menschen, die nach Deutschland kommen wollen? Gehört zu diesen Hürden auch, das Migranten, die nach Deutschland kommen wollen, ein Jahresgehalt von 66 000 Euro nachweisen müssen?

Diese Verdienstgrenze lehne ich ab. Ich finde das Punktesystem besser, das sich in Australien und Kanada bereits bewährt hat. Dieses Punktesystem könnte man abwandeln und dadurch mehr Zuwanderer nach Deutschland bringen.


Also eine Art Green Card?
Eine deutsche Greencard wäre großartig. Aber gleichzeitig bin ich dafür, dass wir die Leute mitnehmen, die schon hier sind. Man kann nicht mehr Zuwanderer wollen, aber die Leute, die schon hier sind, ignorieren. Das ist ein Konfliktpotenzial, das wir entschärfen müssen. Das kann man nur machen, wenn man die Talente kennt.


Stader Tageblatt