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25.10.2011
Kluge Verkehrspolitik nützt der Umwelt –
Hamburg muss die Infrastruktur für den Hafen, den Autoverkehr und für Busse und Bahnen ausbauen, um seineführende Rolle zu halten
Hamburg verdankt seine führende Position in Nordeuropa wesentlich seiner Funktion als Verkehrsdrehscheibe, dieentscheidend auf der Leistungsfähigkeit unseres Hafens beruht. Um dieser Rolle weiter gerecht zu werden, bedarf es einer klugen Verkehrspolitik und Investitionen in die Infrastruktur, auch und gerade im Interesse der Umwelt. Denn die aktuellen Verkehrsprognosen sagen eine Zunahme des Straßengüterverkehrs um 70 Prozent bis 2025 voraus, im Seehafenhinterlandverkehr sogar um rund 150 Prozent. Ursache ist eine immer weitergehende Verflechtung derVolkswirtschaften, bei der Deutschland glücklicherweise eine aktive Rolle spielt; auf anderem Wege könntenWertschöpfung und Beschäftigung nicht gesichert werden.
Anders als häufig vorgetragen, ist diese Entwicklung kein Problem, sondern eine große Chance für Hamburg. Durch eine kluge Verkehrspolitik kann eine Win-win-Situation geschaffen werden, bei der sowohl die Wirtschaft als auch Umwelt und Lebensqualität profitieren. Hamburg ist der europäische Überseehafen, der am nächsten an den dynamischen Märkten in Ost- und Nordeuropa liegt. Hamburg hat die besten Bahnverbindungen, ein enges Netz von Schiffsverbindungen in die Ostsee und mit der Elbe eine Binnenwasserstraße, deren Potenzial längst nicht erschöpft ist.
Alles spricht dafür, interkontinentale Verkehre für die Märkte in Zentral-, Ost- und Nordeuropa über Hamburgs Hafen zu routen.
Hierfür bedarf es zunächst der Verbesserung der seewärtigen Erreichbarkeit, wie sie mit der Fahrrinnenanpassung von Unter- und Außenelbe auf gutem Wege ist. Ebenso wichtig ist eine deutliche Erweiterung der Kapazitäten bei allen Verkehrsträgern im Seehafen-Hinterlandverkehr. Projekte wie der Bau der Y-Trasse, der Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals oder die Ertüchtigung der Mittelelbe sind unverzichtbar, um die umweltfreundlichen Verkehrsmittel Eisenbahn sowie Feeder- und Binnenschiff zu stärken.
Eine kluge Verkehrspolitik schöpft alle Möglichkeiten aus, den Straßenverkehr zu entlasten; kluge Umweltverbände würden diese Politik nach Kräften unterstützen.
Gleichwohl wird es nicht gelingen, das Wachstum im Straßengüterverkehr zu stoppen oder auch nur wesentlich zuverlangsamen – also sind auch hier kluge Konzepte gefragt. Auf die Situation im Hafen bezogen heißt dies, den schnellen Zugang zum Autobahnnetz sicherzustellen und vor allem A 7 und A 1 so auszubauen, dass ein weitgehend staufreier Verkehr möglich ist. Der Bau der Hafenquerspange – der Direktverbindung von A 1 und A 7 im Hafengebiet – ist einSchlüsselprojekt hierfür. Die Querverbindung über die Köhlbrandbrücke stößt an ihre Kapazitätsgrenze. Bei steigenden Umschlagszahlen würden immer mehr Lkw-Fahrer eine Route durch Wilhelmsburg suchen und die Wohngebietebelasten. Die Hafenquerspange würde diese Schleichwege überflüssig machen, den Zu- und Ablauf zum Hafen bündelnund so Mensch und Natur schützen. Ihre schnelle Realisierung ist auch umweltpolitisch unverzichtbar.
Innerstädtisch muss die Konzentration auf den Ausbau des ÖPNV erfolgen.
Die erfreulichen Wachstumszahlen belegen,dass Busse und Bahnen von immer mehr Autofahrern als Alternative für regelmäßige Fahrten angenommen werden. Diese schöne Entwicklung schafft Kapazitätsprobleme, die nur durch zügigen Ausbau aufgefangen werden können. Die Verlängerung der S 4 über Ahrensburg bis Bad Oldesloe sowie die Verlängerung der U 4 von der HafenCity bis nach Harburg sind zwei prioritäre Projekte.
Die Optimierung der Busverkehre schafft die notwendige Zeit, die Haushaltskonsolidierung so weit voranzutreiben, dass bei Bedarf gegen Ende des Jahrzehnts eine Stadtbahn in Angriff genommen werden könnte, wobei die System- und Streckenwahl einer klugen Entscheidung bedarf.
Der reflexartige Widerstand gegen jedes neue Verkehrsprojekt ist keine kluge Verkehrspolitik. Infrastrukturprojekte durch Klagen zu verzögern und durch überzogene Ausgleichsforderungen deutlich zu verteuern ist gerade aus Sicht des Umweltschutzes kontraproduktiv; gleichzeitig die Unterfinanzierung des Verkehrshaushalts zu kritisieren – wie unlängst vom BUND vorgetragen – ist geradezu zynisch.


Prof. Dr. Hans-Jörg Schmidt-Trenz
Hamburger Abendblatt