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18.07.2013
Veränderte Realitäten
Der Richterspruch zur Weservertiefung und die neue Seeverkehrsprognose zeigen: Die maritime Branche muss umdenken.
Die vergangene Woche war für die maritime Branche keine besonders gute. Denn weder die am Montag bekannt gewordenen ersten Details der neuen Seeverkehrsprognose noch die Entscheidung der Leipziger Bundesverwaltungsrichter vom Donnerstag, ihre Entscheidung zu Weservertiefung wegen ungeklärter Umweltfragen und Bedenken gegen den Planfeststellungsbeschluss auszusetzen, signalisieren "Weiter so mit dieser Wachstumsbranche!"

Zunächst zur Seeverkehrsprognose, deren Ergebnisse in den Bundesverkehrswegeplan 2015 einfließen sollen: Dort liest man von deutlichen Umschlagsteigerungen im Zeitraum 2010 bis 2030. Das Gesamtaufkommen in den deutschen Seehäfen soll demnach von 269 auf 468 Mio.t oder um 74 Prozent wachsen, wobei die Nordseehäfen stärker zulegen werden als die Ostseehäfen. 74 Prozent, das ist doch was! Noch besser sieht es beim Containerumschlag aus. Dieser soll sich von 13 auf 30 Mio.Teu mehr als verdoppeln, wobei auch die beiden wichtigsten deutschen Seehäfen Hamburg und Bremerhaven mit dann 16,4 und 9,9 Mio. Teu entsprechende Zuwächse verbuchen können.

Und auch Wilhelmshaven wird der Prognose zufolge durchstarten. Von aktuell nur sehr weniger Boxen, die im Jade-Weser-Port umgeschlagen werden, soll der Wachstumspfad bis zu 3,4 Mio. TEU führen.

Wachstumsverlangsamung

"Bravo", kann man da nur sagen, allerdings sollte es nicht zu laut sein, denn gegenüber der vorherigen Seeverkehrsprognose aus 2007 haben die Experten ihre Wachstumserwartungen deutlich nach unten revidiert. Statt der 468 Mio. t Gesamtumschlag in 2030, die in der aktuellen Prognose in Aussicht gestellt werden, sollten es nach der alten schon 759 Mio. t in 2025 sein. Beim Containerumschlag waren ursprünglich 45,3 Mio. Teu avisiert. Die neue Realität lautet daher: Seeverkehr und Hafenumschlag wachsen zwar noch, es ist aber nicht mehr das Wachstumsfeld schlechthin wie in den globalisierungsbefeuerten vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten.

Nun zum Richterspruch aus Leipzig, denn auch dieser nagt am Selbstbewusstsein der maritimen Branche. Die Bundesverwaltungsrichter haben den Planern, aber auch Politik und Wirtschaft deutlich vor Augen geführt, dass ein Vorhaben wie die Weservertiefung sauber durchgeplant und sehr gutbegründet sein muss und dem Umweltschutz dabei im Sinne des klagenden BUND eine hohe Bedeutung beigemessen werden muss. Und auch wenn viele aus Politik und Wirtschaft betonen, dass die Verfahren nicht ohne weiteres miteinander zu vergleichen sind, geringer werden die Maßstäbe mit Sicherheit nicht sein, welche die Richter bei der noch zu verhandelnden Elbvertiefung ansetzen werden.

In der Sache konsequent bleiben
Angesichts des Dämpfers bei derWeservertiefung wundert es nicht, dass nun die Stimmen wieder lauter werden, die ein Zugehen auf die Umweltschutzverbände (Die Grünen in der Hamburger Bürgerschaft) fordern. Auch sollte es niemanden überraschen,wenn Politiker wie Herbert Behrens, Bundestagsabgeordeter "Die Linke", auch angesichts der jüngsten Zahlen der Seeverkehrsprognose behaupten, dass die Weservertiefung "ökonomisch nicht notwendig" sei und die deutschen Hafenstandorte daher "endlich kooperieren" sollten, anstatt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen. Ganz von der Hand zu weisen sind diese Forderungen nicht.

Infrastrukturgroßprojekte sind heute nicht mehr ohne die Beteiligung von wichtigen Stakeholdern wie Umweltschutzverbänden umzusetzen und in einer entwickelten Volkswirtschaft wie Deutschland müssen Ökonomie und Ökologie generell miteinander vereinbar sein. Insofern dürfte es nicht schaden, sich mit BUND und Co. noch einmal an einen Tisch zu setzen, um so vielleicht das Verfahren zu beschleunigen.

Nicht einlassen sollten sich Planer, Politik und Logistikwirtschaft aber auf Forderungen nach einer Weser- oder Elbvertiefung "light". Schließlich können selbst nach den geplanten Ausbaggerungen die größten Containerschiffe nicht voll abgeladen anlegen. Wenn schon baggern, dann richtig!

Auch dass die großen drei Containerhäfen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven eher ihre gemeinsame Stärke in aller Welt publik machen sollten als sich mit gegenseitigen Nicklichkeiten das Leben schwer zu machen, ist wünschenswert. Mit der Initiative "German Ports", die zuletzt Fahrt aufgenommen hat, geht es in diesem Punkt aber in die richtige Richtung.

Unter dem Strich ist aber eines auch klar: Schifffahrt und Häfen sind weiterhin Wachstumsbranchen, die zum Wohle der gesamten Volkswirtschaft auf eine angemessen ausgebaute Infrastruktur angewiesen sind. Und die geplanten Anpassungen an den Fahrrinnen von Weser und Elbe sind angemessen und zudem noch absolut notwendig.

Sebastian Reimann, Leitartikel in der DVZ vom 16.7.2013