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22.04.2013
Kommentar: Hafen neu erfinden
Hamburg muss sein wirtschaftliches Zentrum noch vielfältiger nutzen
Der Hamburger Hafen hatte seit der deutschen Einheit fast 20 Jahre lang ein vertrautes Problem: Wohin mit all den Containern? Deren Zahl stieg Jahr für Jahr, gleichsam als Gradmesser einer immer schneller laufenden globalisierten Wirtschaft. Heutzutage weiß man in der Stadt, dass dies ein Luxusproblem war: rechtzeitig neue Terminals zu bauen, schnellere Transportgeräte anzuschaffen, Straßen und Schienen für die Anbindung des Hafens zu ertüchtigen.
Nun ist die Herausforderung, eine neue Wachstumsgeschichte für den Hafen zu finden, denn einen neuen Boom des Containerumschlags hat die Hansestadt aus vielen Gründen für die absehbare Zukunft nicht zu erwarten.

Der Senat sucht die Offensive in einem Ausbau des Kreuzfahrtgeschäfts. Ein drittes Terminal im mittleren Hafen könnte die beiden bestehenden Anlagen in der HafenCity und in Altona in absehbarer Zeit ergänzen. Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) wirbt bei führenden Kreuzfahrtreedereien wie Carnival und MSC darum, dass sie Hamburg mit ihren Schiffen als Start- und Zielhafen für Touren in Nordeuropa anlaufen und nicht nur als Durchgangsstation wie bislang üblich. Das leuchtet ein: Hamburg ist eine der attraktivsten Metropolen in Europa. Und es ist die vielleicht einzige große Hafenstadt der Welt, in der die Passagiere mit dem Kreuzfahrtschiff zum Shoppen bis fast direkt vor die Boutique fahren können. Besonders die HafenCity ist den Vergnügungsreisenden aus aller Welt in dieser Hinsicht zugewandt. Die Abfertigung von jährlich mehreren Hunderttausend zusätzlichen Passagieren, die Reduzierung von Abgasen aus immer mehr Kreuzfahrtschiffen wäre eine große Herausforderung - die zu meistern aber dürfte sich für die Stadt vielfach auszahlen.

In der Containerschifffahrt , dem wichtigsten Teilgeschäft des Hamburger Hafens , stehen die Dinge derzeit schlechter. Gegner der geplanten Elbvertiefung und -verbreiterung frohlocken bereits, das Großprojekt sei unnötig, weil der Güterverkehr kaum mehr wachse. Sie hoffen darauf, dass auch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig dieses Argument bei seinem bevorstehenden Urteil über das Planungsverfahren aufgreift. Tatsächlich aber braucht Hamburg die Fahrrinnenerweiterung dringend, denn immer mehr immer größere Containerschiffe werden in Fahrt gesetzt. Durch seine Lage tief im Inland bekommt der Hafen mit den schnell wachsenden Schiffsgrößen ein Problem, selbst dann, wenn die Elbfahrrinne erweitert wird. Würde das Gericht das Projekt untersagen, würde Hamburg angesichts der Entwicklung am Schiffsmarkt sofort weit zurückgeworfen.

Die Stadt braucht aber zeitlichen Spielraum, um den Hafen in den kommenden Jahren weiter optimal an den Welthandel anzupassen. Die Geschwindigkeit und Präzision des Güterumschlags, die exzellente Anbindung an die Märkte innerhalb Europas vor allem per Bahn sind Hamburgs besondere Stärken. Hier hat der Hafen weit mehr Spielraum für Wachstum und Entwicklung als im schieren Größenwettbewerb. Die Formel "mehr Qualität als Quantität" ist in der Hamburger Hafenwirtschaft längst Thema.

Ob mehr Industrie im Hafen hingegen sinnvoll wäre, erscheint zumindest zweifelhaft. Flächen mit direktem Zugang zu Seeschiffen sind zu kostbar, um sie dem Aufbau von Produktionsstätten zu widmen. Eher schon könnte Hamburg mit dem größten deutschen Seehafen davon profitieren, dass Norddeutschland und die Metropolregion insgesamt mehr Industrie anziehen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Ballung Tausender Windkraftwerke an und vor den deutschen Küsten bietet dafür jedenfalls mit Blick auf die Energieversorgung ein ideales Fundament. Ob die Energiewende gelingt, vor allem auf dem Meer, liegt allerdings nicht in Hamburgs Macht und Einfluss.

Olaf Preuß, Hamburger Abendblatt, 18.4.2013